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IVEN EINSZEHN

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IVEN EINSZEHN

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Hässliche Egomanie (DerClub

Iven Einszehn - blau


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 der Hässlichen)

 

Veröffentlicht unter dem Titel „Blumen oder Morast“ in: Junge Welt v. 29.10.05

In Hamburg hat ein ziemlich hässliches Ehepaar einen Internet-Club gegründet, den Club der Hässlichen. In Zeitungen und Fernsehen gab es Beiträge, demnach das eine ganz tolle Sache ist, und obwohl ich mir sofort Mühe gegeben habe, es auch ganz toll zu finden, dass die Hässlichen unter sich sind, will es mir nicht in den Sinn, was eigentlich in diese hässlichen Menschen gefahren ist, sich großartig zu ihrer Hässlichkeit zu bekennen. Hässlichkeit ist  weder eine Sache, die sich im Verborgenen abspielt, noch etwas Inoffizielles oder gar eine Frage der Haltung. Nichts, wo man extra Bescheid sagen müsste, damit andere achtungsvoll den Hut ziehen und sagen: gut gemacht, klasse, weiter so. Zum Glück, man kann rechtzeitig die Straßenseite wechseln.

Die Clubgründer haben ein Manifest verfasst, ohne geht’s nicht, wenn man die Welt verändern will. Darin lehnen die Clubgründer sich gegen das weltweite Diktat der Schönheit auf, dem sie sich nicht weiter unterordnen wollen. Sie sind es leid, umgeben zu sein von all den schönen Menschen. Sie streben nicht weiter danach, schöner zu werden. Sie wollen sich nicht an Schönheit messen. Sie reden sich ernsthaft ein, als stünde das zur Disposition. Die Schönheit anderer Menschen ist aber gar keine Sache, wo man  mitmachen könnte oder nicht. Das ist die Widersinnigkeit des Clubs der Hässlichen, denn nichts benötigt er mehr, als schöne Menschen, um sich davon abzuheben. Gerade für die Besinnung auf Hässlichkeit ist das Schöne das ultimative Maß der Dinge!

 

Schönheit lässt sich doch nicht moralisch überwinden, so dass wir alle gleich würden. Da haben die Clubgründer sich ob ihrer überspannten Hässlichkeit wohl zu oft im Spiegel erschreckt und nicht kapiert, dass Schönheit eine sinnliche Angelegenheit ist, die auf der kulturellen Entwicklung der Menschheit gründet, so dass sich dem niemand entziehen kann. Die Ästhetik ist in der Welt kein Diktat, sondern eine Grundvoraussetzung für das Miteinander, über die sich die Menschheit seit Jahrtausenden den Kopf zerbricht und daran herumfeilt. Sie basiert auf der offenkundigen Vollkommenheit des Universums, der wir nacheifern. Kunst, Architektur, Musik, Tanz, Literatur usw., Naturwissenschaften, Philosophie – alles strebt nach dem Hohen und Schönen. Und macht damit auch vor dem Menschen nicht halt. Vor Landschaften übrigens auch nicht. Selbst hässliche Menschen erfreuen sich eher an einem Bilderbuchsonnenuntergang als an einem depressiven Novembertag, nehme ich an, liegen lieber auf einer Blumenwiese als in einem Morastloch, um sich holprige Vorspielpoesie in die Segelohren zu hauchen.

 

Dennoch: Um es all den schönen Menschen mal gehörig zu zeigen, gibt’s jetzt diesen Club der Hässlichen. Der hat schönen Menschen nichts entgegenzusetzen, außer einer Verweigerung, die sich letztlich bloß darauf gründet, nicht schön geraten zu sein. Und das wird umgemünzt in einen Vorwurf. Geht’s noch?! Da sind die Clubgründer mächtig dem Zeitgeist aufgesessen. Heutzutage ist es ja in, sich zu bekennen, sich zu beschweren, sich zu erheben, nicht in entscheidenden, in unwichtigsten Angelegenheiten, aber dort dann umso entschiedener, über jeden und alles, egal wozu, und zwar aufs Sinnloseste, denn Schuld haben immer die anderen. So ist z.B. das Internet bevölkert von Leuten, die sich selbst nett finden! Ich frag mich immer, wie das gehen soll? Wie gehen Leute mit sich selber um, um zu dem Schluss zu gelangen, sie seien nett? Und zwar derart nett, dass sie es ansagen, damit alle anderen es auch wissen. Aber gerade das Internet ist ja eine Grube des Absonderlichen. Die ist nicht nur voll von netten, sondern auch von schönen Menschen. Genau der richtige Ort für den Club der Hässlichen. Hunderte von Portalen widmen sich nichts anderem als der Partnersuche. Ein privates Profil ist erst mit eigenen Bildern vollständig, und wer keine eigenen Bilder hochgeladen hat, weiß schon warum. Mal Hand aufs Herz, wer will denn hässliche Geschlechtspartner konsumieren? Nach wem drehen wir uns auf der Straße um? Welches Angesicht bereitet Herzklopfen? Hässliche Menschen sucht man sich nicht aus, so was nimmt man, weil nichts anderes zu kriegen ist. Z.B. wenn die Kneipen immer später und besoffener werden und die Gäste immer rarer. Da ist trotzdem immer einer der Schönste, egal welche Traumpartner längst gegangen sind – bei Tageslicht allerdings nicht.

 

Zugegeben, auch ich habe mittlerweile so oft gelesen, dass der Schönheitswahn uns auf die Nerven geht, so dass auch ich dazu keine eigene Meinung habe. Aber nur weil ich hässliche Menschen nicht über ihr Aussehen definieren soll, muss ich noch lange nicht über schöne Menschen hinwegsehen. Ich entwickel kein fehlgesteuertes Selbstbewusstsein, indem ich die Schönen damit behellige, nicht so schön zu sein wie sie, um mir antizyklisch was einzubilden. Ganz im Gegenteil: Mein Spiegelbild führt ein Eigenleben, es geht hart ins Gericht mit mir, jeden Tag aufs Neue, es lässt mich erst aus dem Haus, wenn es ziemlich zufrieden ist.

Ich habe keine Ahnung, wie hässlich man sein sollte, um im Club der Hässlichen mitzumachen, aber meinem Nachbarn hab ich auf alle Fälle schon mal Bescheid gesagt. Es hat etwas Beruhigendes, um einen Ort zu wissen, an dem auch er endlich seinem Hobby frönen kann. Außerdem habe ich die Schnauze voll von Restaurants, in denen es nur gutes Essen gibt. Ich kann selbst nämlich überhaupt nicht kochen, und die Speisekarten rauf und runter wird mir meine Unfähigkeit vorgeführt. Ich bin nicht mehr bereit, das hinzunehmen. Ich bin es leid, dass es überall schmeckt, nur zu Hause nicht. Deshalb gründe ich gerade den Club Schmeckt nicht, randvoll mit Rezepten, die schmecken wie selbst gemacht, mit monatlichen Treffen der Brechreizgruppe! Ich hab ja gar kein Abitur, nichts studiert, sogar die Schule abgebrochen, fällt mir ein. Genau genommen bin ich doof. Muss ich mir die Klugheit der anderen Leute eigentlich bieten lassen?! Grad ruft Reinhold Messner an: „Schluss mit dem Diktat der Achttausender!“ Er will nur noch kleine Berge besteigen, damit die endlich zu ihrem verdienten Recht kommen. Und meine Oma schimpft auf den Gesundheitswahn. Sie macht da nicht mehr mit und verweigert die Nierentransplantation ...

(Anm.: Den Club gibt's nicht mehr, vielleicht wurde den Leuten die Sache irgendwie zu unschön ...)

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