über den da oben

IVEN EINSZEHN

Wörter | Holz | Papier

Kontakt: Email      © Text | Bild | Web: Iven Einszehn & VG Bild-Kunst

IVEN EINSZEHN

Wörter | Holz | Papier

Im mathematischen Biotop

Iven Einszehn - blau


Kontakt:Email

© Iven Einszehn;

VG Bild-Kunst

 


 

der Gedichte

„Die Leier des Pythagoras /

Gedichte aus mathematischen Gründen“,

Hrsg. Alfred Schreiber, Verlag Vieweg + Teubner

 

Mathematik und Literatur gehen nicht zusammen. Die Literatur kennt keine Formeln, wie etwa eine Erzählung aufzugehen hätte, nur ungefähre Rechnungen, an die man sich halten sollte. Das Ergebnis ist dann nicht unbedingt richtig, mit ein wenig Glück aber wenigstens ganz gut.

Alfred Schreiber gelingt das Kunststück, doch beides unter einen Hut zu bringen, wenn auch nicht im oben angedeuteten Sinne einer Lösung, wie etwas zu verfassen wäre. Indem er Gedichte nach mathematischen Bewandtnissen absucht, diese literatur- und ideengeschichtlich beleuchtet und nicht zuletzt mit seinen fachlichen Kenntnissen als Mathematiker kommentiert, bringt er beides zusammen. Das darf man ruhigen Gewissens als Marotte bezeichnen, eine im besten Sinne. In ihr erweist sich Schreiber als ausgesprochene Koryphäe. Von Menschen seiner Art können die Künste gar nicht genug haben, denn nichts ist geeigneter, den Blick zu schärfen, als der Blick aus einer ganz anderen, völlig unerwarteten Perspektive. „Die Leier des Pythagoras“ ist wie ein Biotop, in dem jedes Gedicht mit Mathematik gedüngt auf ganz neue Art zur Geltung kommt. So gelingt eine außergewöhnliche Fundgrube für Literaturliebhaber genauso wie für mathematisch Interessierte, da kommt sich nichts in die Quere, ganz im Gegenteil, beide noch so widersprüchlich anmutenden Gebiete gewinnen voneinander. Die Mathematik wird da poetisch und die Poesie – die Poesie ist seit jeher allem gegenüber offen, auch dem Widersprüchlichsten.

Mein eigener unwichtiger Beitrag in dieser Sammlung war ursprünglich bloß eine Schreibspielerei mit den Möglichkeiten der seinerzeit neu erworbenen Diskettenschreibmaschine. Ein technisches Zwischending, das nur ganz kurz unser Zeitalter besucht hat, so dass die meisten Menschen so einen Apparat niemals auch nur gesehen haben. Den Text habe ich bald darauf in den Müll geworfen. Zu meiner Überraschung erwies sich das als Bumerangeffekt. Etwa zehn Jahre später erhielt ich einen Korrekturbogen vom Reclam-Verlag, mit der Bitte um Abdruckgenehmigung. Keine Ahnung, unter welchen Umständen der Text in wessen Schublade überlebt hat, keine Erinnerung daran, ihn überhaupt weitergereicht zu haben, geschweige denn aus welchen Gründen. Gut fand ich das Ding nie. Aber seitdem hat es überlebt in doppeltem Sinne, denn Schreiber wurde erst durch eben diese Veröffentlichung bei Reclam darauf aufmerksam.

Als Autor und Künstler lebt man mit dem ewigen Problem, dass andere einen nie so recht verstehen wollen. Die gelungensten Arbeiten nehmen sie kaum wahr, was man selbst für nebensächlich erachtet oder ganz und gar unwichtig findet, genau das schätzen sie ganz besonders. Ich habe dem eine praktische Erkenntnis abgewonnen, so dass ich diese Besprechung mit folgendem Aufruf an alle Autoren, Dichter, Literaten und Schriftsteller, insbesondere die selbsternannten und verkannten, schließen möchte: Werft eure Gedichte weg! Davon werden sie zwar auch nicht besser, aber gedruckt, mit ein wenig Glück.

Veröffentlicht unter dem Titel "Wegwerfen zum Quadrat. Ein Aufruf!" in Junge Welt vom 24. November 09

Kontakt: Email      © Text | Bild | Web: Iven Einszehn & VG Bild-Kunst