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IVEN EINSZEHN

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IVEN EINSZEHN

Wörter | Holz | Papier

 

 

Ich habe geschreddert


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Wie die "Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes" zu Raubkunst wurde

 

Veröffentlicht  in Jungle World Nr.13 / 26. März 09

  

Letztes Jahr war ich auf Föhr. Wer die nahe gelegenen Inseln Amrum und Sylt kennt, dem fällt auf Föhr nicht nur auf, dass alles rund ein Drittel billiger ist – Föhr sieht leider auch so aus.

Die Insel ist weder mit Sehenswürdigkeiten gesegnet, noch hat sie landschaftlich etwas zu bieten. So wird auf Föhr gleich an vorderster Stelle neben ein paar Windmühlen mit den Hundestränden geworben. Hundekacke habe ich in Hamburg eigentlich genug.

Föhr wird die „grüne Insel“ genannt, ein Attribut, das ich doch etwas euphemistisch nennen möchte. An den tristen Agrarflächen hat sich sogar ein Stadtmensch wie ich schnell satt gesehen. Fünf Minuten in irgendeine Richtung und man hat alles ignoriert, was es woanders auch nicht zu sehen gibt.

Das Biotop, zum Beispiel, in das man einen weiß angemalten Holzvogel gepflanzt hat, an dem die Touristen das seltene Getier ableiten sollen, das hier wohnt. Ich habe lieber nicht herausgefunden, ob die Leute aus purer Verzweiflung oder aufrechter Unkenntnis Fotos von dem Holzvogel gemacht haben, der als Metapher für demnächst aussterbende Arten in die heimischen Fotoalben wandert. Ich habe einfach den Acker nebenan fotografiert, die Bildaussage bleibt sich gleich.

Die Insel hat auch eine archäologische Bedeutsamkeit zu vermelden, die Lembecksburg, „eine große beeindruckende Ringwallanlage“, wo es genau das zu sehen gibt: keine Burg, nur den Erdwall, ganz mit Gras bewachsen, echt beeindruckend. Die Insel macht bescheiden, plötzlich guckt man sich sogar keine Burg an, man besteigt den Wall, von dem man hinunterblickt auf ödes Föhr. Denn leider wurde hier auf ein entschädigendes Holzsurrogat vollkommen verzichtet.

Auf Föhr plagt einen ganz schnell das Problem, sich all das nicht weiter anzutun. Man weiß mit seiner Zeit nichts anzufangen und sucht sein Glück in Lokalen, in denen Rach, der Restauranttester, leider nie gewesen ist.

So verschlug es mich nach Oldsum in „Stelly´s Hüüs“, einem Café, das gleichzeitig Töpferei, Teeladen und Museum ist. Bestimmt finden das alle großartig, nur ich habe ja an allem etwas auszusetzen. Alter Krempel macht noch kein Museum, allerdings soll man einen geschäftstüchtigen Aufmacher auch nicht überbewerten, immerhin habe ich ja keinen Eintritt bezahlt und eine urige Atmosphäre erzeugt so ein Ladendurcheinander allemal. Ich wählte einen Platz neben einem Bücherregal mit Blick auf einen reichlich ramponierten Kachelofen, an dem ungeschickte Pfoten herumgewerkelt haben. Bis hierhin war ich noch einigermaßen zufrieden. Während ich auf die Bestellung wartete, erschöpfte sich mein Mitleid an dem kaputten Ofen aber etwas, ich griff aus Langeweile in die Bücher und erwischte prompt die „Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes“.

Nun hält sich mein Bedürfnis, zum hausgemachten Apfelkuchen in Naziliteratur zu blättern, eher in Grenzen, das gebe ich unumwunden zu. Und ich gebe auch gerne zu, dass ich das Buch augenblicklich geklaut habe, um es zu vernichten.

In Hamburg habe ich das Buch nicht einfach vernichtet, die Umstände verlangten nach einem anspruchsvolleren Umgang. So habe ich den Inhalt sorgfältig geschreddert und Schredder und Einband in einem Schaukasten arrangiert, so dass man das Werk in der Öffentlichkeit zeigen kann, ohne weiteren Schaden damit anzurichten. Mehr noch: Der Schaukasten macht die ursprüngliche mehr als leichtfertige Bereitstellung zur Lektüre in „Stelly´s Hüüs“ überdeutlich. An dem Schaukasten kann jeder Idiot prima erkennen, was Sache ist.

Die Rückgabe gestaltet sich seitdem etwas zäh.

Die Rückgabe erfordert nämlich eine gewisse Öffentlichkeit, wie ich meine. Die Tatsache des Fundes soll ruhig breite Kreise ziehen. Außerdem ist dieses Café-Teeladen-Töpferei-Museum ziemlich wahllos mit ollem Plunder ausgestattet, da würde es mich gar nicht wundern, wenn hier unkritisch der Nachlass eines Föhrer Altnazis entsorgt wurde. Zum einen sollte man dem mal nachgehen. Zum anderen möchte ich schon verhindern, dass mein Schaukasten als unangenehme Erscheinung sang- und klanglos in einem Keller verschwindet. Immerhin bin ich Künstler und die Zeiten, da unliebsame Kunst entsorgt wurde, haben wir, glaube ich, hinter uns.

Zunächst überlegte ich, den Schaukasten an die Polizei in Wyk zu schicken, mit der Bitte, das Diebesgut an das Museum zurückzureichen. Gleichzeitig bot ich mich zur Aufarbeitung etwaiger weiterer antisemitischer Funde an: Während der Haft, welche mir nach Diebstahl, schlimmer Sachbeschädigung und vorsätzlicher Ironie droht, hätte ich im Gefängnis ohnehin nicht soviel zu tun.

Dann dachte ich daran, einen Anwalt mit der Formulierung einer entsprechenden Selbstanzeige zu betrauen, ein anwaltliches Schreiben wäre wohl geeignet, die Dimension der Sache zu steigern.

Dann wandte ich mich an die Redaktion des Insel-Boten, einem Ableger der Schleswigholsteinischen Zeitung für Föhr, um die Rückgabe mit einer Berichterstattung zu verbinden.

Zuletzt rief ich sogar bei der Polizei in Hamburg an, um die mal zu fragen, wie ich das nun machen soll. Das war keine so gute Idee.

Die Polizei interessierte sich überhaupt nicht für den nationalsozialistischen Charakter des Buches und meinen kritischen Umgang mit der Sache schon mal gar nicht. Die Polizei belehrte mich stattdessen mehrfach, ob ich mir eigentlich darüber im Klaren sei, dass ich hier eine Straftat zugäbe!

Nach meinem freimütigen Bekenntnis, ich hätte auf Föhr in einem für jedermann zugänglichen Pseudo-Museum ein Nazibuch geklaut und geschreddert, würde mir der Gedanke, dass der Begriff „Klauen“ illegal besetzt ist, natürlich nie kommen. Leider wurde von der Polizei der bewusst provokante Tenor meines Geständnisses nicht begriffen. Wenigstens fiel der Umstand der schweren Sachbeschädigung nicht weiter auf, so dass mein ausgeprägter Hang zu kriminellen Handlungen seitens der Ordnungshüter nicht weiter ausgedehnt wurde.

Etwas maulig wurde mir ernsthaft geraten, ich solle das Buch seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben!

Für die Polizei ist das eine einfache Sache, für die habe ich bloß ein Buch geklaut. Dabei ist die Sache so einfach nicht, ich habe mich ja nicht daran bereichert. Genaugenommen habe ich nicht einmal einen Schaden verursacht, ganz im Gegenteil. Ich habe mich eingemischt, habe mit einfachsten Mitteln eine höhere Ebene geschaffen, die möglicherweise sogar der Bewusstseinsschärfung dient.

Vielleicht ist die Polizei gar nicht dafür da, das Richtige im Falschen zu erkennen. Vielleicht darf die Polizei differenzierte Betrachtungen gar nicht anstellen, wo würde das hinführen.

Vielleicht bin ich naiv, wenn ich glaube, andere Menschen sollten sich für diese Angelegenheit interessieren, sie bedenken und begreifen und erkennen, dass ich im Grunde alles richtig gemacht habe, beispielhaft geradezu.

Der Insel-Bote jedenfalls ist redaktionell unterbesetzt und mit dringenderem Zeug wie dem neuen Apotheker, dem Dach des Kindergartens und ausgelaufener Gülle beschäftigt. Da möchte ich mich wirklich nicht hinten anstellen und eine Woche lang warten, bis alles aufgewischt ist.

Meinen Schaukasten habe ich noch immer. Fast gewinne ich den Eindruck, ich werde ihn nicht los. Dabei könnte Föhr den gut gebrauchen. In meinem Schaukasten wird nämlich etwas gezeigt, das es nicht wirklich zu sehen gibt. Ganz im Sinne des erwähnten Biotops und der Lembecksburg – eine Sehenswürdigkeit ganz nach Föhrer Art sozusagen ... 

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