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IVEN EINSZEHN

Wörter | Holz | Papier

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IVEN EINSZEHN

Wörter | Holz | Papier

Roger Cicero,

Iven Einszehn - blau


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© Iven Einszehn;

VG Bild-Kunst

 


 

na, danke!

 

Veröffentlicht unter dem Titel "Aus gegebenem Anlaß. Roger Cicero, na, danke!" in Junge Welt Nr.113 / 16.17.Mai 09

Neulich wurde ich als Komiker bezeichnet. Stimmt doppelt: Ich bin nämlich besonders komisch. Z.B. bin ich seit Jahren bemüht, möglichst nicht Geburtstag zu haben, man wird davon nämlich immer älter. Als mir das aufgefallen ist, war ich ungefähr zehn und ich dachte, das wäre eine große Sache. Eine andere große Sache beschäftigte mich in dem Alter mehrmals täglich, und es dauerte noch zwei Jahre, ehe ich sie mit anderen Männern teilen konnte.

Für einen schwulen Mann ist das Altern von besonderer Bedeutung, Schwulenjahre zählen nämlich wie Hundejahre. Mit Mitte dreißig hast du dein Leben praktisch hinter dir, was du bis dahin nicht erlebt hast, hast du verpasst. Du ziehst fortan fast chancenlos durchs Leben, für die anderen bist du so gut wie tot. Du wirst kaum noch angesprochen, wahrgenommen wirst du höchstens, um geschnitten, geringgeschätzt und verachtet zu werden, weshalb gealterte Schwuchteln sich dazu hinreißen lassen, ihre Lebenslage völlig fehl zu interpretieren, indem sie an Jungschwuchteln rumzicken, mit denen sie nichts zu tun haben wollen. Sie würden schon wollen, sie haben bloß nicht. Statt aus Jagdrevieren und Beuterastern besteht dein Leben zunehmend aus Leidensgenossen.

Aber ich schweife ab. Mein Schwulsein ist ein ganz und gar nebensächliches Ding, wenn ich es nicht gerade irgendwo reinschiebe - äh, einbringe.

Mein Geburtstagsproblem ist ganz anderer Natur. Es sind die lieb gemeinten Geschenke, an denen ich leide. In jeder Wohnung verstauben ohnmächtige Gaben, so dass man meinen könnte, ganze Ortsteile wären nicht an städtische Entsorgungssysteme angeschlossen. Freunde sollten wirklich nicht mit albernem Gerumpel auftrumpfen, das niemand witzig findet außer ihnen selbst, weil sie glauben, Humor könnte man in Geschenkartikelläden kaufen. Von Freunden sollte man erwarten dürfen, einen gut genug zu kennen, um Geschmack und Vorlieben durch ein gelungenes Geschenk zu würdigen. In Wahrheit wissen die meisten bloß, die eigenen Vorlieben abzuzirkeln. Ihren Geschmack halten sie für eine prima Lebensart und daraus leiten sie ab, sie sollten einen unbedingt damit belästigen. Welch ein Irrtum!

So bekam ich Konzertkarten für Roger Cicero. Ausgerechnet Roger Cicero, diese Zeitgeistvariation Frank Sinatras. Es ist mir ein Rätsel, was an dem so toll sein soll. Besonders, wenn ich im Fernsehen mal wieder von seinem angeblichen Charme erfahre, lösen die allgegenwärtigen Lobeshymnen Aversionen in mir aus. Für mich hat der Mann ungefähr soviel Charme wie Mathieu Carriere. Ich bin auch überhaupt nicht der Mitmachtyp, der eine Ansicht erst dann vertritt, wenn andere sie irgendwo gehört, abgehört, wiederholt, nachgeplärrt und zu Allgemeingut breitgetreten haben, mit dem man auf gar keinen Fall aneckt.

Das Konzert war reinste Folter. Wenn es mir irgendwie gelang, den musikalischen Lärm einigermaßen zu ignorieren, drängten die Menschen in meiner Nähe umso stärker in mein Bewusstsein. Die meisten mochten so plusminus mein Alter gehabt haben, allerdings schienen die Leute sich selbst überlebt zu haben, sie sahen wohlgelitten aus; manche von denen sollten das Alter ihres Aussehens lieber nicht erreichen, wenn sie bereits jetzt derart staubig in der Gegend stehen. Ich befand mich in einer Masse von Kontrastmitteln, ich fühlte mich dermaßen deplaziert, als wäre ich plötzlich lesbisch geworden.

An diesen Menschen ist mir immerhin aufgefallen, weshalb mich Roger Cicero ganz besonders nervt. Mal abgesehen von seinem affektierten Gesang, der immer wieder ins selbstverliebt Nasale abgleitet, eine Manieriertheit, die ich jeder Tunte verzeihen würde, weil ich darin eine Art Behinderung sähe: Es mangelt mir schlicht an der spießbürgerlichen Alibilockerheit, um mich an den Texten zu erfreuen! In den Texten verkörpert Cicero eine lackbildartige Darstellung von Männlichkeit, die deshalb funktioniert, weil die meisten Männer unfähig sind, über sich zu reden. Das, was Cicero sagt, halten sie deshalb für richtig und schön. Und Frauen halten deshalb sogar Cicero für schön. Na, danke!

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